Löwengrube, Schlangengrube oder Don Quijote – ein Verband sucht sich selbst

Roman Josi #90,  IIHF World Championship 2026 Final SUI - FIN, Swiss Life Arena, Zürich | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

Die Schweizer Nationalmannschaft ist die Nummer eins der Welt. Sie spielt um WM-Titel, gewinnt Medaillen und gehört inzwischen selbstverständlich zum engsten Kreis der Weltspitze. Wer nur auf das Eis schaut, könnte deshalb zum Schluss kommen, das Schweizer Eishockey befinde sich in einem beneidenswerten Zustand.

Wer hingegen hinter die Kulissen blickt, erhält ein anderes Bild. Ein Bild von zerstrittenen Abteilungen, einem dominanten Akteur namens National League und Menschen, welche Macht wollen, aber nicht immer die besten Entscheidungen treffen. Oder Informationen unter der Decke halten. Ob bewusst oder unbewusst bleibt vorerst noch unter dem Deckel der Vermutungen oder Gerüchte.

Der Verband, oder besser gesagt, das Haus des Schweizer Eishockeys, erinnert weniger an die Weltspitze als vielmehr an ein Land namens Absurdistan. Nicht weil die Beteiligten unfähig wären. Im Gegenteil. Gerade darin liegt die Ironie. Das Schweizer Eishockey verfügt über viele fähige Menschen. Doch jede Gruppe scheint überzeugt zu sein, die besseren Argumente als die jeweils andere zu besitzen. Die National League verfolgt ihre Interessen. Die Swiss League verteidigt ihre Positionen. Der Amateurbereich kämpft um Mitsprache. Der Verband versucht zu koordinieren. Und irgendwo dazwischen steht ein Präsident, der eigentlich das grosse Ganze im Auge behalten sollte.

Urs Kessler | Quelle: © SIHF

Urs Kessler der moderne Daniel in der Löwengrube…

Deshalb glaube ich inzwischen, dass der Rücktritt von Urs Kessler weniger die Geschichte eines gescheiterten Präsidenten ist, als vielmehr die Geschichte eines Systems, das sich zunehmend selbst blockiert. Wer, wie Urs Kessler über Jahre mit internationalen Märkten, politischen Erwartungen, touristischen Interessen und wirtschaftlichen Grossprojekten gearbeitet hat, scheitert nicht einfach daran, dass ein Verband kompliziert ist.

Kessler brachte Gäste aus Indien, China, Japan, Korea und vielen anderen Ländern aufs Jungfraujoch, entwickelte Angebote für unterschiedliche Kulturen, baute mit dem indischen Restaurant ein sichtbares Zeichen dieser Internationalisierung mit auf und führte mit den Jungfraubahnen einen der wichtigsten Arbeitgeber der Region.

Man kann also vieles über seine kurze Amtszeit im Schweizer Eishockey diskutieren.

Aber die Erklärung, Kessler sei schlicht nicht geeignet gewesen, greift zu kurz.

Viel naheliegender ist eine andere Frage:

Was sagt es über den Verband aus, wenn ein solcher Macher nach wenigen Monaten erkennt, dass er dort nicht gestalten kann?

Aus meiner Sicht ist nicht Urs Kessler gescheitert. Gescheitert ist der Verband an Urs Kessler. Dem Visionär und Berner Oberländer der diese Vision für das Schweizer Eishockey umsetzten wollte. Aber letztendlich an verschiedenen Geschäftsbereichen und deren Gebaren nicht weiter kam. Diese Geschäftsbereiche waren eine Löwengrube, in der sich der Verwaltungsratspräsident bewegt.

Gleichzeitig fühlt man sich an die berühmte Szene aus der römischen Geschichte erinnert. An Julius Cäsar. An den Moment, als dieser erkannte, dass die Gefahr nicht nur von aussen kam. Und plötzlich stellt sich eine unbequeme Frage:

Brutus, wieso Du?

Auf diese Frage werde ich später noch zurückkommen.

… oder Don Quijote…

Die Geschichte rund um Urs Kessler erinnert mich ebenfalls an Don Quijote. Man holte einen Macher. Jemand, der starke Visionen hatte. Der wusste, wovon er sprach, wenn er die verschiedenen Abteilungen in diese Visionen einbeziehen wollte. Einen Mann, der grosse Organisationen geführt hatte und Veränderungen nicht scheute. Doch je mehr Informationen über seine kurze Amtszeit bekannt werden, desto stärker entsteht der Eindruck, dass er nicht an einzelnen Sachfragen scheiterte, sondern an einem Geflecht aus Interessen, Zuständigkeiten, Loyalitäten und Machtstrukturen. Irgendwann scheint er erkannt zu haben, dass er gegen Windmühlen kämpft, die sich nicht einfach mit Entschlossenheit beseitigen lassen.

Daher lohnt sich, das Haus des Schweizer Eishockeys genauer unter die Lupe zu nehmen. Die sieben Geschäftsbereiche sind in sich abgeschlossen. Dennoch sind sie durch Treppen und all den anderen Einrichtungen die ein Haus braucht, miteinander verbunden. Ohne dieses Verbindende stürzt jedes Haus früher oder später zusammen. Deshalb ist die aktuelle Entwicklung im Eishockey gefährlich. Das Verbindende scheint nicht zu einen, sondern zu trennen. Beim Rundgang durch das Haus wirst du sehen, dass die einen im Penthouse sitzen und alles haben, während andere im Keller nach dem Anschluss des Schalters suchen, der Licht gibt.

1. National League AG - Das Penthouse Appartement

Die National League hat sich zu einem teilweise profitablen Konstrukt im Schweizer Eishockey entwickelt. Mit der Liga als Zugpferd kann sie die Massen elektrisieren und diese in die Stadien locken. Dann kam Covid. In dieser Situation entschied sich die Liga, nicht aus eigenen Stücken, keinen Absteiger auszuspielen. Man integrierte den HC Ajoie in die Liga. Kurz darauf entschied man, aus der Swiss League den nächsten Aufsteiger zu integrieren. Der EHC Kloten profitierte davon. Nun haben wir eine 14er Liga, die niemand so gewollt hat, niemand sich davon trennen will und dennoch jeder Beteiligte weiss, dass dies für die Schweiz überdimensioniert ist. Nicht nur verschwand die Durchlässigkeit der Liga. Auch der Aufstieg aus der Swiss League wird fast verunmöglicht. Ausser man kann bereits in der zweithöchsten Liga ein zweistelliges Millionenbudget stemmen, nur, um der Konkurrenz davonzulaufen. Zeitgleich profitiert die National League davon, dass sie mit MySports einen Zahlungskräftigen TV Anbieter hat, welcher Pro Jahr geschätzt 30 Millionen an die Klubs ausschüttet.

2. Swiss League - 5 1/2 Zimmer Wohnung ohne Fernsehanschluss

Anders liegt die Gemütslage bei der Swiss League. Diese kämpft, und dies muss man klar sagen, ums Überleben. Teilweise hängen die verschiedenen Klubs an Brosamen von National League Klubs ab. Indem die National League Klubs Spieler an die Klubs der Swiss League ausleihen, diese aber wieder zurückrufen können, wann sie wollen. Doch dadurch können die Klubs nicht gut genug budgetieren. Nicht umsonst zog sich nach dem SC Langenthal vor drei Jahren nun auf die neue Saison auch der EHC Winterthur aus dieser Liga zurück. Neu dazu gekommen sind der EHC Chur und der EHC Arosa. Beide, mit Verlaub, nicht die finanzstärksten Vertreter, aber mit einem grossen traditionellem Fanlager. Gerade der EHC Arosa hat diese Aura als mehrfacher Schweizer Meister. Doch entscheidender ist die Vermarktung der Liga. Anders als in der National League ist diese gering. Auch wenn sie mit dem Bezahl Fernseher SKY eine interessante Alternative anbieten. Der Qualitätsunterschied der Sender ist indes zu markant um den Partien überhaupt das Niveau von MySports Übertragungen das Wasser zu reichen. Dies liegt indes weder an Sky noch an der Liga. Die Lücke entsteht, weil die Swiss League die Kosten selbst tragen muss und deren Kommentatoren von den Klubs selbst gestellt werden. Dies führt zum Paradoxon, dass die Sichtbarkeit schwindet, obwohl aus Sicht der Klubs fast alles unternommen wird, um wahrgenommen zu werden. Dies hat auch mit dem Ausstieg von MySports aus der Swiss League zu tun. Was schade ist. Erschwerend kommt dazu, dass mit dem HC Ajoie und dem EHC Kloten wichtige Klubs in die National League aufgestiegen sind und es keinen Abstieg aus der NL gibt.

3. MyHockey League - 3-Zimmer Wohnung ohne Balkon

Die MyHockey League ist die Schnittstelle zwischen Profi Eishockey und Amateur Bereich. Sie soll jungen Spielern unter anderem den Sprung nach oben in die Swiss League ermöglichen, aber auch als Auffang Becken dienen, für ehemalige Profi Spieler oder Spielern die gerne weiter auf höchstem Niveau im Amateur Bereich spielen wollen. Auch hier ist der Spagat zwischen Ausbilden und Amateur Bereich nicht einfach. Gleichzeitig ist ihre Existenz nicht einfach zu erklären. Sie entstand aus der Überlegung mit der MySports League ein neues Gefäss zu öffnen, um den Amateursport sichtbarer in die Wohnzimmer der Eishockeyinteressierten zu bringen. Doch der Fernsehanbieter befand nach drei Jahren, dass dies ein schönes Ziel gewesen sei, aber nicht weiter verfolgt würde. Was zu dieser paradoxen Situation führte, dass nun eine Liga existiert, die die gesamte Schweiz umfasst, aber eigentlich, fast, niemanden interessiert. Fast brutaler ist, wenn man schaut, dass diese Klubs früher in drei Regionen unterteilt in der 1. Liga spielten. Und dort besser aufgehoben waren als jetzt. Doch zugeben will dies selbstverständlich kaum jemand. Was auch verständlich ist.

4. Amateur Bereich - Keller ohne Treppe nach oben

Die wichtigste Arbeit im Eishockey, aus meiner Sicht, sind nicht die drei Top-Ligen. Sondern der Amateurbereich. Dieser ist für das Fundament des Sportes wichtiger als jede Medaille. Ja, eine Medaille ist schön. Sie bringt weltweite Anerkennung, eine Position und eine Sichtbarkeit. Doch was wäre der Sport ohne die Amateure? Egal in welcher Sportart. Sie wäre ein nichts und würde auseinanderfallen. Aus diesen Gründen braucht ein Haus immer einen guten Eingangsbereich, der auch funktioniert. Leider wird dieser im Haus des Eishockeys indes zu wenig gepflegt, fast vernachlässigt. So verschwindet dieser Bereiche nach und nach in den Keller. Obwohl er der Eingangsbereich zum Sport ist. Was uns nun zum eigentlich verbindenden des Sports, dem Nachwuchs, führt.

5. Nachwuchs - Die Treppe die verbinden soll

Ohne den Amateur Bereich gäbe es keinen Nachwuchs. Punkt. Nicht der Liga Krösus SC Bern hilft einem kleinen Kind den Eintritt in den Sport. Wobei, das ist fast etwas ungerecht. Ja, auch der SC Bern hat eine Nachwuchsförderung. Doch diese ist marginal. Um in die National League zu kommen und am Ende dort zu spielen, braucht es eine viel grössere Auswahl an Klubs und Spieler. Ob ein Spieler beim EHC Wislen, dem EHC Prättigau oder dem HC Valais, um nur einige wenige Möglichkeiten zu nennen, beginnt, Eishockey zu spielen, ist egal. Wichtig ist, dass er Freude am Tun und seinem Hobby bekommt. Hier entscheidet sich, wie sich das Schweizer Eishockey in Zukunft entwickelt. Und ob die Geldgeber weiter in das Produkt Eishockey investieren wollen oder nicht. Doch dieser Nachwuchs kommt nicht einfach zum Eishockey, weil er den Sponsor PostFinance gesehen hat und deren Werbung gut fand. Ok, gut, vielleicht doch. Dies wäre aber dann wieder eine andere Diskussion. Was uns nun zur Sichtbarkeit des Eishockeys führt.

6. Fraueneishockey - Der Wintergarten für die Nachbarn

Dass die Schweiz Eishockey kann, beweist sie aktuell ebenso im Fraueneishockey. Aus dem Nichts hat der Verband, in Zusammenarbeit mit dem Hauptsponsor, die Frauenliga reformiert. Sie wurde professionalisiert, positioniert und mit (fast) allen National League Klubs koordiniert. Dieses Vorgehen beginnt nach und nach die Früchte der Arbeit zu tragen. Nicht nur, weil jeder National League Klub ein Frauenteam haben muss. Den ansonsten, und da können einige Klubs der National League ein Lied singen, verlieren sie wichtige Beiträge an deren Einnahmen. Sondern weil den Frauen endlich eine professionelle Umgebung geboten wird. Noch können die Frauen nicht als Profis bezeichnet werden, weil sie weiter Teilzeit arbeiten müssen. Dies könnte sich indes in den nächsten Jahren ändern. Wenn, und hier lege ich den Finger wieder in eine Wunde, die Klubs nicht umdenken. Wieso nicht ein Frauenspiel vor ein National League Spiel legen und damit dem Fan die Möglichkeit zu geben, bereits früher im Stadion zu sein. Und dies inklusive des Besuches des National League Spieles? Eine kühne Vision. Gleichzeitig aber auch eine Herkules Aufgabe für den Spielplan Gestalter Willy Vögtlin. Upps.

Ann-Renée Desbiens #35, Rahel Enzler #21, Olympic Games 2026 Womens Semifinal CAN - SUI, Santa Giulia Arena, Milano | Quelle: © Puckfans.at / Andreas Robanser

7. Die Geschäftsstelle - Die Lobby ohne Kommunikation zu den Bewohnern

Damit der Sport an sich funktionieren kann, braucht es indes auch eine Struktur, die diesen trägt. Nicht nur nach aussen. Sondern ebenfalls nach innen. Damit landen wir bei der Geschäftsstelle des Verbandes. Hier wird es jedoch kompliziert. Wer hat welche Aufgabe? Wer koordiniert diese und wer soll die Aufgabe nach aussen Repräsentieren? Dies kann der Verwaltungsratspräsident sein. Es kann auch der CEO sein. Oder vielleicht der Verantwortliche für die Nationalmannschaften? Gleichzeitig läuft die Kommunikation aller Abteilungen über die Geschäftsstelle. Von aussen betrachtet sieht es daher oft aus, als sei die Lobby ohne genügende Kommunikation. Beteiligte oder andere Bereiche würden nicht immer passend informiert. Dies fällt besonders bei Personal entscheiden unangenehm auf.

Ich streiche hier nur einige wenige heraus, um die Komplexität der Materie aufzuzeigen. Die Diskussion um Patrick von Gunten und Paolo Duca. Die Rolle von Alex Chatelain. Die Affäre Patrick Fischer. Der überraschende Abgang von Lars Weibel. Die Veränderungen im Fraueneishockey. Der Abgang von Anja Stiefel. Jeder einzelne dieser Vorgänge lässt sich für sich betrachtet erklären. Jeder einzelne besitzt seine eigene Geschichte. Doch zusammengenommen entsteht ein Muster, dass zumindest Fragen aufwirft. Eine dieser könnte sein, hat das Haus des Eishockeys nicht nur ein Kommunikations-, sondern auch ein Kompetenzproblem, welches wir von aussen nicht sehen sollen oder können?

… oder “Brutus, wieso Du?”

Selbstverständlich kann und soll man über einzelne Entscheide streiten und diskutieren. Dies gehört auf allen Ebenen dazu. Ein Verband ist immer auch Politik auf einer kleineren Bühne. Es geht um Mehrheiten und Minderheiten. Dabei stellt sich die Frage, wer innerhalb des Verbandes tatsächlich entscheidet und wer Entscheidungen letztlich nur noch zur Kenntnis nimmt. Ist es der Verwaltungsrat, der blockiert, wie dies in der Causa von Gunten/Duca geschehen ist? Duca wäre aus Sicht des Profisports der bessere Kandidat gewesen, hat er doch als Sportchef beim HC Ambrì-Piotta am Puls der Zeit gearbeitet und eine Organisation nach vorne gebracht. Dass, gemäss einigen Zeitungsartikel, nur der Verbandspräsident und der Vertreter der National League, Peter Zahner, für Duca gestimmt haben sollen, hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack.

Und wie war der Kommunikationsverlauf in der Affäre Patrick Fischer, in welcher der Verbandspräsident(!) offenbar von den entsprechenden Stellen vorgängig nicht informiert wurde? Sollte dies Vermutung zutreffend sein, dann fällt unweigerlich der nächste Name. Martin Baumann.

Damit ist nicht gesagt, dass Martin Baumann für sämtliche Probleme verantwortlich wäre. Eine solche Behauptung wäre zu einfach. Auffällig ist jedoch, wie oft zentrale Linien der aktuellen Diskussion bei ihm zusammenlaufen. Baumann vereint die Funktionen von CEO und CFO in Personalunion. Er sitzt an einer Stelle, an der Informationen, Organisation, Finanzen und operative Führung zusammentreffen. Wer über die Zukunft des Verbandes diskutieren will, kommt deshalb an der Frage Baumann nicht vorbei.

Dabei geht es weniger um die Person als um die Struktur. Kann ein Verband auf Dauer gesund funktionieren, wenn so viele Fäden an einem Punkt zusammenlaufen? Oder braucht es gerade dort mehr Transparenz, mehr Kontrolle und klarere Zuständigkeiten?

Die National League muss mehr tun und über den Schatten springen

Was uns wieder zum Penthouse zurückführt. Selbstverständlich hat der Mieter des Penthouse eine gewisse Macht in einem Haus. Schliesslich will der Vermieter einen zufriedenen Mieter in seinem Haus haben. Dennoch darf dieser eine Mieter nicht alles selbstherrlich bestimmen, was im Haus getan werden darf oder nicht. Die National League ist längst eine eigenständige AG mit eigenen Interessen und eigener Logik. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist zunächst einmal eine Realität. Doch genau diese Realität führt zu Spannungen. Eine Liga denkt zwangsläufig anders als ein Dachverband. Die National League muss die Interessen ihrer Clubs vertreten. Der Verband muss die Interessen des gesamten Schweizer Eishockeys vertreten. Beides überschneidet sich oft, aber eben nicht immer.

Hier beginnt die eigentliche Grundsatzfrage.

Wollen wir ein gemeinsames Haus des Schweizer Eishockeys? Oder wollen wir ein Haus, das nur im obersten Stock wirklich wohnlich eingerichtet werden kann, während die anderen Parteien noch im Rohbau wohnen?

Die Swiss League kämpft um ihre Zukunft. Der Amateurbereich kämpft um Mitsprache. Die MyHockey League sucht ihren Platz im Gesamtsystem. Die National League verfolgt ihre Reformideen. Jeder besitzt nachvollziehbare Argumente. Doch genau dort beginnt das Problem. Wenn jede Gruppe ihre Energie primär darauf verwendet, die eigene Position zu verteidigen, wird das gemeinsame Haus irgendwann zur Ansammlung einer riesigen Mängelliste, welcher der Vermieter, sprich der Verband, nicht mehr beheben kann.

Der Rücktritt von Urs Kessler macht diese Entwicklung sichtbar. Vielleicht sichtbarer als jemals zuvor.

Marc Lüthi | Quelle: © SC Bern

Marc Lüthi als neuer Vermieter - Das kann gelingen

Aus diesem Grunde halte ich die aktuelle Diskussion um Marc Lüthi für hoch spannend. Nicht weil die Frage entscheidend wäre, ob Marc Lüthi das Amt ausfüllen kann. Das traue ich ihm durchaus zu. Wer den SC Bern über Jahre geführt hat, kennt Machtkämpfe, Interessenkonflikte und politische Prozesse. Er kennt den Wolfsbau des Schweizer Eishockeys. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob die verschiedenen Akteure überhaupt bereit sind, ihm den Raum für die Behebung der Mängelliste zu geben. Denn daran wird sich letztlich alles entscheiden.

Wenn National League, Swiss League, Amateurbereich und Verband tatsächlich die Liste abarbeiten will, dann könnte Marc Lüthi der richtige Mann zur richtigen Zeit sein. Wenn jedoch jeder Mieter weiterhin vor allem die Fehler der anderen sieht, dann wird auch Lüthi an denselben Strukturen auflaufen, an denen bereits Urs Kessler gescheitert ist. Am Ende führt deshalb jede Diskussion wieder zu derselben Frage zurück.

Nicht: Kann Marc Lüthi das?

Sondern: Wollen wir ein gemeinsames Haus des Schweizer Eishockeys? Oder wollen wir weiterhin mit dieser Mängelliste leben, in dem jeder Mängel nicht behoben und die Mieter den Zustand einfach so akzeptieren? Oder überspitzt formuliert: Wollen wir das ganze Haus des Schweizer Eishockeys, das aktuell auf einem morschen Fundament steht, so belassen?

Mir scheint von aussen eher, dass selbst die Pfahlbauer stabiler gebaut haben. Und dies, so will es die Geschichte, obwohl sie ihre Häuser ins Wasser stellten.

Dies führt zur abschliessenden Frage:

Sind wir im Schweizer Eishockey noch Pfahlbauer, die irgendwie hoffen, dass die Konstruktion hält? Und kann Marc Lüthi diese Arbeit gegen die Mühlen, welche er mit aufgebaut hat, angehen?

Noch spitzer gefragt: Sind wir endlich bereit, in der Moderne anzukommen und ein Haus zu bauen, das alle trägt?

Die Nationalmannschaft hat gezeigt, was möglich ist, wenn ein Team gemeinsam funktioniert.

Jetzt wäre es an der Zeit, dass auch das Schweizer Eishockey neben dem Eis lernt, als Team zu handeln. Wenn der Verband bereit ist, Marc Lüthi wirken zu lassen. Erst dann, und nur dann, können wir das morsche Fundament ersetzen und jedem Stock den Zweck zuweisen, dem er dient.

Zum Wohle des Schweizer Eishockey.